Deutschland


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Gebundene Ausgabe Halbleder-Pergament, 1924 1. Auflage 1.-15.000, deutsch, gr., 304 Seiten – Kurt Hielscher

Gleich vorweg, das ist ein wahrhaftig einmaliger Bildband, ein Werk erster Güte. Heutzutage wäre ein solches Buch aber wohl nicht mehr finanzierbar. Der Fotograf Kurt Hielscher ist Anfang des 20. Jahrhunderts wohl einer der populärsten und erfolgreichsten, Auflagen von mehr als 25.000 mit einem Bildband sind heute nicht mehr möglich.

Es ist nicht das erste Werk, „Spanien“ war wohl noch erfolgreicher. Interessant ist die Zeit in dem die Bildbände entstanden, und man kann sagen das Hielscher einer der ersten europäischen Fotografen war. Es gibt Bildbände über Spanien, Italien, Österreich, Schweden, Dänemark, Jugoslavien und Rumänien; er gilt als wahrscheinlich als einer der erfolgreichsten kommerziellen Fotografen der Welt, wenn man von einzelnen Bildverkäufen absieht die gleich Millionen in Auktionen brachten (z. B. Gursky).

Sein Werk ist fünfsprachig! Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Deutsch, doch das beschränkt sich auf die Bildbeschreibungen, zumindest beim Werk „Deutschland“.

604 Aufnahmen! Im Vorwort erklärt Hielscher einige Details, die Kamera wurde von den Ica-Werken bereitgestellt (Internationale Camera Actiengesellschaft, Europas größter Kamerahersteller bis zum Ersten Weltkrig, Vorgänger der Zeiss-Icon Werke), die Objektive von Carl Zeiss, und das Bildmaterial (Chromo-Isorapid und Chroma-Isolar, Glasplatten!; beide sagen mir überhaupt nichts, da ich davon keine Ahnung habe) von Agfa. Ein Jahr lang ist der Fotograf durch ein Deutschland gereist, dass heute in Ihrer Gesamtheit wohl nur noch eine handvoll Menschen kennt. Z. B. die Kuhrische Nehrung (Kurland), Masuren, Posen und Nordschleswig (das was Dänemark nach dem Ersten Weltkrieg 1920 in einer Volksabstimmung bekommen hat).

Es sind die Jahre Anfang der Zwanziger, die Weltwirtschaftskrise ist noch weit entfernt, wir sprechen von der Zeit der „Goldenen Zwanziger“. Wer nicht weiß was das ist, bitte im Geschichtsbuch nachlesen, wer das nicht hat, kann sich mit Wikipedia begnügen. In dieser Zeit dürfen Deutsche nicht auf die linke Seite des Rheins. Das Rheinland, die Pfalz und das Ruhrgebiet sind von Frankreich besetzt und das gibt sich der Hoffnung hin, diese Gebiete für immer einzuverleiben, so will es der alte Hass gegenüber Fürst von Bismarck der Frankreich niedergerungen und gedemütigt hat. Diese Gefühle gibt es teilweise noch heute in Frankreich, über hundert Jahre danach. Die Bilder aus diesen Gebieten stammen von verschiedenen Quellen die im Buch extra ausgewiesen sind.

Die Bilder sind herausragend in Ihrer kompositorischen Qualität, ich darf sagen das ich Landschaftsbilder solcher Güte, in meiner Zeit als Fotograf noch nie gesehen habe, auch in den fast 60 Bildbänden die ich besitze, gibt es kein vergleichbares Niveau.

Das Buch ist hochformatig und so auch die allermeisten Bilder, einige wenige sind im Querformat, dann aber auch in voller Breite abgedruckt und das Buch muss zum Betrachten gedreht werden. Die Bilder sind noch im Kupfertiefdruckverfahren gemacht worden, das erzeugt eine enorme Schärfe die die sagenhafte Schärfentiefe der Bilder noch verstärkt.

ich vermute, dass viele der Bilder nicht dem Zufall überlassen worden sind, zwar lässt das angewandte Druckverfahren keinen großen Dynamikumfang zu aber diese Frage ist in der damaligen Zeit auch untergeordnet gewesen, dennoch haben viele Bilder oft genug eine sagenhafte Wokenzeichnung bzw. Wolkenbildung die so perfekt und manchmal sehr dramatisch mit dem Bildaufbau und Bildinhalt korrespondiert!

Eigentlich muss man sagen, das es ein Architekturbildband ist, denn in der Masse werden Burgen, Schlösser, Rathäuser und Sakralbauten abgebildet aber halt nicht nur und es tauchen auch etliche Menschen auf.

Auch interessant ist, dass bereits zu dieser Zeit der Verfall und das Abreissen von alten Bauten angeprangert wird, das zieht sich also durch alle Generationen 😉

Das Geleitwort ist von keinem geringeren als von Gerhart Hauptmann!!! Beide Texte von Hauptmann und Hielscher der auch ein paar Geleitworte von Hans Thoma schreibt, zeugen losgelöst vom Nationalsozialismus, den es zu derzeit noch nicht gibt (jedenfalls bedeutungslos für die Bevölkerung), von einem nationalen Selbstbewusstsein, der frei ist von Überheblichkeit aber gedrückt vom Versailler Vertrag. Hier bekommt der Leser in wenigen Sätzen einen starken Eindruck von der Last, dieses schlimmsten aller Verträge nur wenige Jahre nach dem ersten schlimmen Weltkrieg.

Zurück zu den Bildern, es ist wohl das letzte große Werk von vielen Bauten in Deutschland, die nicht mehr existieren, denn nach dem ersten Weltkrieg gab es noch keine Zerstörung in Deutschland aber nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein Großteil der hier gezeigten Bauten vernichtet worden, hinzu kommt die gezielte Zerstörung von alten Bauten durch die DDR. Somit kommt diesem Bildwerk eine ganz besondere Stellung zu.

Haben Sie das Glück ein solches Exemplar zu besitzen oder wollen Sie es Sich beschaffen so sei noch erwähnt das man bei der Betrachtung die Stimmung beachten sollte, es sind nur wenig Menschen vertreten und manche Bilder dadurch eine gedrückte Stimmung erzeugen können. Dies sollte nicht von der Schönheit des Bildes ablenken.

Das letzte Bild ist ein Baum der keine Unterschrift trägt und ich hoffe das dieser noch unerkannt existiert; ist ist wirklich sehr groß, mächtig im Umfang und sehr knorrig und überhaupt nicht gerade; ein wunderbarer Baum!

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